Ein neues Stück auf der Geige / Bratsche zu erlernen bedeutet nicht nur, Töne einzustudieren. Es ist so viel mehr! Aber wie macht man aus einzelnen Noten Musik und vor allem wo findet man Inspiration und Ideen?

Musiknoten sind eine komplexe Schriftform. Die fünf Linien voller Noten und Pausen dominieren dabei eindeutig. Wie Magnete ziehen sie den Fokus der Augen auf sich. Das ist gar nicht falsch. Wenn die Augen aber keine weiteren Elemente der Notenschrift registrieren, vermisst das Spiel Energie, Gesten, Spannung, Beruhigung, Atmung, Bewegung, Richtung, Farben – also lebt es nicht. So macht es wenig Spaß, Geige / Bratsche zu spielen.

Wenn du aufmerksam liest, entdeckst du aber fast in jedem Werk auch verschiedene graphische Symbole, Buchstaben und Wörter. Diese Elemente ergeben eine Art musikalischen „Fahrplan“ des Stückes. Sie markieren, wo was im Klang, Ausdruck und Tempo, in der Athmosphäre und im „Geschehen“ passiert. Damit sind sie wertvolle Quellen, wenn man sich – gerade zu Beginn des Lernens – ein Bild des Stückes machen möchte. (Hier erfährst du, wie du dein Notenlesen kinderleicht und ohne Aufwand optimieren kannst.)

Wir sollen uns diese Elemente der Noten unbedingt bewusst machen, um ausdrucksvoll und abwechslungsreich, kurzum: schöner und besser Geige / Bratsche zu spielen. Dass man aus dem Ganzen dann sein ganz persönliches, eigenes Ding macht, erklärt sich. Hier kommen deine 6 Inspirationsquellen und meine Tipps, wie du sie für ein beflügeltes Musizieren nutzen kannst.

1.Komponist, Epoche  

Der Name des Komponisten steht normalerweise rechts über der ersten Notenzeile. Oft werden in Klammer auch das Geburts- und das Todesjahr angegeben.

Wieso inspiriert es?

  • Du weisst grundsätzlich, mit „wem du es zu tun hast“. Bei einem Buch möchtest du schließlich auch wissen, von wem es stammt.
  • Wie Schriftsteller, haben KomponistInnen ihren Stil, eine Art persönliche musikalische Sprache mit klaren Merkmalen. Diese sind teils sehr individuell, hängen aber auch damit zusammen, in welcher Zeit sie gelebt haben. In den meisten musikgeschichtlichen Epochen waren bestimmte Elemente, Eigenschaften, Strukturen üblich.

Spielst du ein Stück aus der Romantik (19. Jahrhundert) , z.B. von P.I. Tschaikowsky oder A. Dvořák, so stellst du dich auf einen ausdrucksvollen, warmen Ton mit viel Vibrato ein. Je mehr Spielerfahrung du sammelst, umso mehr wird diese Information für dein Speil konkret bedeuten.

Tipp:

Musikhören ist der beste Weg, die „Sprache“ der einzelnen Komponisten immer besser zu (er)kennen. Hör dir auch andere Werke des Meisters an, egal ob es für Violine, Viola, Symphonieorchester oder Streichquartett geschrieben wurde. 

2.Titel 

Der Titel ist gut sichtbar über der ersten Notenzeile und widerspiegelt, welche Inhalte der Komponist sich vermutlich vorgestellt hat. ZB.: „Liebesleid“ und „Liebesfreud“ von Fritz Kreisler.

Wieso inspiriert es?

Es gibt eine erste Anregung für deine musikalische Darbeitung. Ein Trauerlied, eine Meditation, einen schnellen, lustigen Tanz wirst du selbstverständlich ganz unterschiedlich gestalten.

Tipp: 

Oft ist der Titel nur eine Tempobezeichnung (Presto, Adagio) oder eine Angabe zur Gattung (Violakonzert, Violinkonzert, Fantasie, Menuett, Serenade). Diese Begriffe nachzuschauen hilft, dir genauer vorstellen zu können, worum es in der Musik geht. Frag dich:

  • Welche Art von Tanz ist es? Schnell oder langsam? Höfisch oder ländlich? Schreit- oder Sprungtanz? 
  • Welche Art von Lied ist es? (Spottlied, Liebeslied, Kinderlied, Volkslied, Grabgesang?)

3.Tempobezeichnung

Die Tempobezeichnung steht über dem allerersten Takt des Stückes. Sie gibt an, wie schnell oder langsam das Stück gespielt werden soll.

Zwei Formen sind üblich: 

  • Die Formel „Notenwert = Metronomangabe“ 

In der Tempoangabe im 4. Satz von Beethovens 7. Symphonie steht:

halbe Note = 72

Wenn du auf dem Metronom diese Zahl einstellst, so wird dir das Gerät genau die Halbenoten „vorticken“. Es hat eine gewisse Regelmässigkeit. Man beginnt beim ersten Metronomtick und landet beim zweiten genau bei der ersten Note (oder Pause) des nächsten Taktes.

  • Wörter, die sich aufs Tempo beziehen, meistens auf Italienisch. Z.B. Allegro risoluto, schnell und entschlossen.
Bindebögen verbinden die Töne. Die Geige wird schön singen.

Wieso inspiriert es?

Du kannst viele Details im Spiel besser planen, z.B.:

  • wie viel Bogen du für einzelne Töne oder für Bindungen brauchst und wie schnell du den Bogen dabei streichen sollst,
  • wie schnell du mit den linken Fingern greifen solllst,
  • Fingersätze und Striche, die funktionieren. In vielen Fällen hängt die Ausführbarkeit eines Fingersatzes oder eines Strichkonzeptes direkt vom Tempo ab. In einem sehr schnellen Tempo bei einer Stelle mit durchgehender, motorischer Bewegung sind zu häufige Lagenwechsel nicht ratsam, denn sie sind vielleicht zu holprig, „stressig“.
  • Es ermöglicht flüssiges Musizieren und Phrasierung, d.h. wie du eine Tonfolge musikalisch gestaltest, sie zusammenfasst, gliederst und einzelnen Tönen dabei einen übergeordneten Sinn gibst.

Tipp:

Führe ein kleines Wörterbuch mit den Tempobezeichnungen, mit denen du schon zu tun hattest. Diese Liste soll immer bei deinen Noten liegen. Bei unbekannten Termini sofort nachschauen und die Liste ergänzen. So wird dein musikalisches Vokabular mit der Zeit schön ausgebaut. Gleichzeitig kannst du dich dann auch sprachlich viel besser ausdrücken, z.B. im Unterricht, in der Streichquartett- oder Orchesterprobe und wirst immer seltener nach dem passenden Ausdruck suchen.

4.Vortragsangaben

Oft inkludiert die Tempoangabe auch einen Hinweis auf den Grundcharakter des Stückes. Kein Zufall, denn Stimmung und Tempo hängen sehr eng zusammen. Dieser Hinweis besteht aus wenigen Wörtern, am häufigsten auf Italienisch.

Ein wunderschönes, aber schwieriges Stück für Violine. Hier inspiriert die Vortragsangabe.

Wieso inspiriert es?

  • Du weisst, in welchem Charakter und in welcher Stimmung die Musik klingen soll.
  • Dadurch bist du sofort inspirierter, wenn dir ein klareres Bild, eine Szene oder Landschaft vor  Augen schwebt. So fällt es dir leichter, aus einzelnen gedruckten Tönen klanglich etwas  Spannendes zu zaubern. 
  • Konkrete Aspekte des Geigenspiels werden abgeklärt, weil sie direkt vom Charakter der Musik bestimmt werden. 
Meditation. Ein gesangliches Stück für Violine, wo viel Ausdruck nötig ist.

Für ein „andante religioso“ (mäßig bewegt, religiös) mit langen Bindebögen sind ruhige Bogenführung, ein inniger Klang, links weiche Fingeraufsätze und ein warmes, möglichst durchgehendes Vibrato hilfreich.

Bindebögen verbinden die Töne. Die Geige wird schön singen.

Das „allegro risoluto“ (lebhaft, bestimmt) hingegen verlangt schnelle, energische Striche, zwischen den Tönen kurze Pausen und knackige, artikulierte Tonbeginne.

Tipp:

Im Laufe des Stückes können immer wieder neue Vortragsangaben vorkommen. Aufmerksam sein, damit sie nicht überlesen werden!

5.Artikulationszeichen

Die Artikulationszeichen sind wie Gewürz im Essen. Sie geben an ob die Töne kurz oder breit, voneinander scharf getrennt oder verbunden klingen sollen. Meistens sind sie graphische Zeichen.

Zunächst abgestoßen, kurz dann gebunden, melodisch. In diesem Beispiel von A. Dvořák siehst du sowohl Legato (Bindebögen) als auch Staccato (Punkte).

Bindebögen verbinden die Töne. Die Geige wird schön singen.

Humoresque von A. D

Wieso inspiriert es?

  • Artikulationszeichen verleihen den Klängen Geschmack, Charakter und Form. Sie zeigen, wie du die Töne „würzen“, gestalten solltest. Hart, weich, gesanglich, wuchtig, witzig, traurig, grob, fein, spitz, rund, betont oder leicht. 
  • Du weisst, wie viel Bogen für eine Note oder Notengruppe verwendet und wie schnell du ihn streichen sollst.
  • Du weisst, ob du zwischen den Tönen den Bogen durchziehen, stoppen oder in die Luft heben sollst.

 Tipp:

Artikulationen werden mit bestimmten Stricharten realisiert. Beschäftige dich immer wieder damit, die Stricharten auf der Geige / Bratsche zu üben. Mit Tonleitern, Etüden oder Stücken, wo durchgehend eine bestimmte Strichart gebraucht wird. So baust du mit der Zeit eine Palette an Mitteln auf. Egal, welche Kürze oder Länge die Töne brauchen, wirst du sofort wissen, wie du das bogentechnisch umsetzen kannst.

(In meinem online Kurs „Effektiv Violine und Viola üben“ bekommst du unter anderem zu diesen Themen hilfreiche Inputs und Erklärungen sowie meine komplette Übemethodik verständlich erklärt. Infos zum Kurs.)

6.Dynamik 

Dynamik ist ein anderes wichtiges musikalisches „Gewürz“. Es bedeutet die Lautstärke und wird in unterschiedlichen Formen angegeben.

Einzelne Buchstaben:

Sie sind die Abkürzungen italienischer Wörter.

  • „F“ bedeutet laut und ist die Abkürzung von „forte“ (Takt 10 im nächsten Beispiel).
  • „P“ steht für „piano“, leise (Takt 1).
  • Doppelte Buschstaben bedeuten eine Intensivierung. Z.B. „ff“ sehr laut oder „pp“ sehr leise.

Sie stehen kursiv gedruckt unter den Noten, auf die sie sich beziehen. Ab dem Ton, unter dem z.B. ein f“ steht, spielt man den nächsten Abschnitt durchgehend laut, solange keine andere dynamische Angabe auftaucht.

Graphische Zeichen:

Sie deuten Veränderungen der Lautstärke, also Vorgänge an. 

  • Crescendo heisst lauter werden (Z.B. Takt 1). Konkret: beim Ton, unter dem es steht, beginnt man leise und wird immer lauter. (Oft steht etwas später die dynamische Stufe, wo man ankommen soll. In vielen Fällen wird es nicht extra herausgeschrieben. Der Komponist überlässt es dann dem Gescmack der MusikerInnen.)
  • Beim Decrescendo  passiert das alles andersrum (siehe Takt 3). Man beginnt beim Zeichen laut und wird kontinuierlich leiser. (Die Angaben, lauter oder leiser zu werden kommen übrigens auch schriftlich vor: cresc. oder decresc. Diese Wörter bedeuten das Gleiche wie die „Entenschnabel“-Symbole.)
Mal laut, mal leise. Um schön Geige zu spielen, sind unterschiedliche Lautstärken sehr wichtig.

Beispiel: „Humoresque“ von A. Dvořák Op.101.

Wieso inspiriert es?

  • Du weisst genau wie du deinen Bogen führen sollst. Warum? Wie laut die Geige / Bratsche klingt, hängt von vielen Faktoren ab. Zu den wichtigsten gehören die Bogengeschwindigkeit und der Kontakt zwischen Bogen und den Saiten (viele sagen stattdessen „Druck“). Je nachdem wie leise oder kräftig man spielen möchte, kombinierst du diese Faktoren auf unterschiedliche Weise.

Tipp:

Charakter und Dynamik hängen zwar stark zusammen, müssen aber nicht zwangsläufig „Hand in Hand“ gehen. Ein häufiges Missverständnis verursacht das „piano“. Akustisch leise zu spielen muss noch gar nicht heissen, die Musik schüchtern, energielos oder zurückhaltend zu interpretieren. Sie kann trotz piano voller Energie, Spannung klingen.Überprüfe immer bewusst was in deinem Stück und für deine Vorstellung besser passt:

  • leise und zurückgehalten oder
  • leise aber lebendig

zu spielen.

Keine Variante ist richtig oder falsch, das ist das Schöne dran.

Buchtipp*

Roberto Braccini: Praktisches Wörterbuch der Musik. Italienisch-Englisch-Deutsch-Französisch

Wenn unbekannte Wörter in den Noten vorkommen, sage ich immer: unbedingt nachschauen. Mit dieser Ausgabe geht das super. Im Hauptteil ist es nach Themenbereichen, im Anhang nach Sprachen gegliedert. Schnell, überschaubar und kompakt. Bei mir steht ein Exemplar immer parat im Unterrichtsraum. Ein Must-Have sowohl für Hobby- und Profistreicher. 

* Keine Werbung.

Und wie lässt du dich beim Spielen inspirieren? Schreib es mir gerne in den Kommentaren.

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