Bist du bereit einmal ganz anders Violine zu üben? Dann schnapp dir eine Zeitung oder ruf eine Website auf. Gleich geht´s mit einer stummen, aber lustigen Art des Übens los! 

Wenn du klassische Violine spielst, führst du eine Reihe von mentalen und physischen Aktionen aus. Welche Aktionen das sind, wird vom Notentext bestimmt, also ist das Notenliesen die erste mentale Aktion beim Spielen. Um die Noten richtig entschlüsseln und in der Folge flüssig Violine spielen zu können, sollst du dich mit Lesestrategien ausrüsten. Das bedeutet u.a. selektieren, vergleichen, dich erinnern und im Dschungel der Notationselemente den Durchblick bewahren zu können.

Folgende Techniken für ein schnelles Notenlesen kann ich dir sehr empfehlen. Du kannst sie natürlich nicht nur an schriftlichen Texten, sondern auch an deinen aktuellen technischen Übungen und Stücken üben.

1. Lies schnell und voraus!

Das Notenlesen verläuft im Idealfall auf zwei Ebenen. Man spielt einen Ton, liest aber währenddessen nicht diesen, sondern bereits den nächsten Ton. Das kann dir besonders bei Zeilenwechseln, zusätzlichen Vorzeichen, neuen rhythmischen Elementen oder Strichmustern schwer fallen.

Antizipierst du beim Lesen nicht aktiv, kann es sein, dass du 

  • im Tempo schwankst (Leichtes schneller, Schwierigeres langsamer spielst),
  • dich überfordert fühlst,
  • überrascht wirst oder,
  • sogar abbrichst.

Um all dem vorzubeugen, müssen deine Augen eben einen Schritt vor deinen Händen sein. Bei AnfängerInnen bedeutet dieser Schritt einen oder ein paar Töne. Fortgeschrittene, die mehr Übung haben, registrieren und spielen leicht komplette Notengruppen und Takte mit dieser Strategie.

Deine Aufgabe: 

Lies einen längeren Textabschnitt laut vor. 

Deine Augen sollen immer zumindest zwei-drei Wörter deinem Mund voraus sein. 

Versuch die Wörter ohne Stolperstellen, flüßig und in deinem natürlichen Redetempo auszusprechen. 

Beobachte, wie es dir bei der Konzentrationsteilung geht. 

2. Lies aufmerksam! 

Die erwähnte Überforderung kann u.a. dazu führen, dass man wichtige Zusatzzeichen in den Noten nicht wahrnimmt. Beim Autofahren ein Verkehrsschild zu übersehen kann böse Folgen haben… Musikalische „Unfälle“ sind zum Glück nicht lebensgefährlich, trotzdem unangenehm. (BratschistInnen können aufgrund der Schlüsselwechsel besonders schnell in ungünstigen Lagen landen.)

Die Top 5 Kandidaten beim Übersehen sind 

  • Vorzeichen und Auflösungszeichen,
  • Tonart- und Taktwechsel,
  • den Ablauf betreffende Zeichen wie Wiederholungen, 1. und 2. Kasten.

Deine Aufgabe:

Zähl in einem längeren Absatz während des Lesens bestimmte Textelemente, z.B. Großbuchstaben, Fremdwörter, Namen oder kursiv gedruckte Wörter. 

Setz dabei deine Augen wie ein Fernrohr ein, das die Gegend auf der Suche nach Hasen gründlich durchforstet.

3. Lies ungleichmäßig!

Widmen die Augen jeder Note gleich viel Zeit, führt das auch schnell zu Überraschungen. In Wirklichkeit erfordert aber nicht jeder Ton oder Takt gleich viel Aufmerksamkeit. Mach es dir so einfach wie möglich! Einfache Elemente wie Wiederholungen von Rhythmen oder einzelnen Tonhöhen, Pausen, Ausschnitte aus Tonleitern oder Dreiklängen brauchst du nicht lange anzuschauen. Sie sind ja einfach!

Es reicht völlig, diese zu überfliegen. Merk dir das Prinzip hinter diesen Noten, überspringe sie mit den Augen während du sie spielst. Auf diese Weise gewinnst du Zeit. Nutze sie fürs Lesen und Dekodieren der nächsten Töne. So widersprüchlich es vielleicht klingen mag, wird durch das ungleichmäßige Lesen dein Geigenspiel gleichmäßiger und kontrollierter.

Deine Aufgabe:

Such dir einen neuen, noch unbekannten Artikel aus und stelle dich auf unterschiedliche Lesegeschwindigkeiten ein.

Nimm dir für drei Wörter so viel Zeit wie du es normalerweise machst und lies sie aufmerksam.

Bei den nächsten drei Wörtern gib Gas mit den Augen und überflieg sie nur. 

Man kann auch Vierer-, dann auch Fünfergruppen bilden.

4. Lies analytisch!

Manche  Muster wiederholen sich im Laufe eines Stücks. Du machst es dir wesentlich einfacher, wenn du wie ein Scanner nach schon gespielten  und bekannten Tönen, Rhythmen und Melodien suchst. Wenn du fündig wirst, ist es ein kleiner Moment der Freude. Der Kopf muss weniger verarbeiten und nur das soeben Gespielte wiederholen. 

Diese Strategie funktioniert übrigens auch anders. Oft kommen die Töne einer Melodie zuerst aufsteigend, in der Fortsetzung absteigend vor. Du musst dann im Prinzip nicht viel denken, nur den Zusammenhang erkennen. Aufführen kannst du die absteigende Variante als Spiegelung des Aufstiegs gleich leichter. Die gewonnene Kapazität kannst du in beiden Fällen gleich der Analyse der Fortsetzung widmen.

Deine Aufgabe:

Such beim Lesen eines Artikels bewusst verschiedene Erscheinungsformen eines Wortes. Z.B. trinken, Getränk, Trinkwasser, Zaubertrank, Trinkbecher, getrunken, betrunken, trinkbar.

Such nach sinnverwandten Wörtern. Z.B. gehen, spazieren, stolzieren, schleichen, laufen, eilen.

5. Lies das Rundherum mit!

Beim Autofahren reicht nicht, nur die Stelle direkt vor unserer Nase zu beobachten. Den Gegenverkehr, andere Fahrzeuge, Radfahrer und Fußgänger, Ampeln, Zebrastreifen und Verkehrsschilder muss man genauso wahrnehmen. Alle Verkehrsteilnehmer und Schilder verteilen sich im Blickfeld an ganz unterschiedlichen Punkten.

Beim Musizieren liest man auch nicht nur die Noten, sondern unterschiedliche Zusatzinformationen mit. Wie die Verkehrsschilder auf der Strasse verteilen sie sich unter oder über den fünf Linien bzw. irgendwo innerhalb dieser. Meistens sind sie Angaben

  • zur technischen Aufführung: Striche, Fingersätze, Saitenangaben 
  • zum Ablauf: Wiederholungen, das Segno-Zeichen und Wort „fine“ bei „dal Segno al fine“
  • zum Spielmodus: pizzicato (links oder rechts), Bartók-pizzicato, arco, con legno, glissando.

Gehe gedanklich drei Schritte nach zurück, wie im Museum vor einem Gemälde, um eine grössere Fläche im Blickfeld haben zu können. Dadurch erfasst du die Elemente dieser wesentlichen „Lektüre“ viel leichter.

Deine Aufgabe:

Was sehen deine Augen AUSSER dem Schriftzeichen, auf das du dich am meisten konzentrierst? 

Nimm bewusst andere Titel, Überschriften, Fotos, Seitenzahlen, Grafiken, Abbildungen und sogar Werbung wahr. 

Wo stehen sie auf der Seite? 

Wie gross sind sie? 

Welche Farben kommen vor?

Die Augen sollten zusätzliche „Antennen“ in alle Richtungen aktiveren und ein möglichst breites Feld  bewusst wahrnehmen, ohne aber den Lesefluss davon stören zu lassen.

6. Lies das musikalische Drehbuch mit!

Wenn wir Violine spielen, erzählen wir von einzelnen Tönen, Motiven, Takten, Phrasen, Perioden ganze Geschichten. Wie literarische Geschichten, hat auch jede musikalische Geschichte einen ganz eigenen Verlauf mit Wendungen, Eckpunkten, Steigerungen, Charakteren und Stimmungen. Diese werden vom Komponisten in einem musikalischen Drehbuch verschlüsselt festgehalten. (Je später in der Musikgeschichte das Stück entstanden ist, umso ausführlicher, genauer ist es.)

Dieses Drehbuch gibt über verschiedene musikalische Aspekte in Schriftform Auskunft, die gängigsten sind Lautstärke, Tempo und Artikulation bzw. ihre Veränderung. Überlesen wir diese, wird die erzählte Geschichte langweiliger oder entwickelt sich anders als es der Komponist meinte. 

Deine Aufgabe:

Wie bei Punkt 5.

7. Lies mit aktiviertem Kurzzeitgedächtnis!

Musizieren fördert bekanntlich das Gedächtnisvermögen. Kein Wunder, wenn dieses dabei ständig so intensiv gefordert wird. Denk an Vorzeichen und Auflösungszeichen, die nicht am Anfang der Zeile in der Vorzeichnung sondern in bestimmten Takten im Laufe eines Stückes stehen. Sie gelten immer nur für einen Takt.

  • Wenn wir sie im jeweiligen Takt zum ersten Mal sehen, müssen wir sie uns für ein paar Sekunden merken.
  • Nach dem Taktstrich müssen wir es aus dem Kurzzeitgedächtnis „löschen“, gleichzeitig uns aber möglicherweise auf neue Versetzungszeichen, vor anderen Tönen, umstellen. Und das mit unseren Augen, Händen und Ohren, denn das Gelesene müssen wir ja auch noch im inneren Gehör hören und greifen.
  • Und übrigens wieder nur für die kurze Weile eines einzigen Taktes. Sehr oft müssen wir sogar nicht nur mit einem zusätzlichen Kreuz, Auflösungszeichen, oder Be pro Takt zurechtkommen… 

Insgesamt ist das Geigenspiel ein hardcore Training fürs Kurzzeitgedächtnis. (Und vom Langzeitgedächtnis haben wir noch kein Wort gesagt…)

Deine Aufgabe:

Lies zwei Sätze. 

Ruf alle Zeit- oder Hauptwörter aus dem 1. Satz in Erinnerung, wenn du mit dem 2. Satz fertig bist.

Das Spielchen kannst du auch mit 3 oder 4 Sätzen spielen. 

Mit diesen kurzen und leichten Übungen lernst du spielerisch, deinen Fokus bewusst und zweckdienlich zu lenken. Mach sie eine Zeit lang regelmäßig und beobachte den Fortschritt. Nach einiger Zeit kennen deine Augen und dein Kopf die Stretegien, also kannst du sie leichter mit deiner Geige beim Notenlesen umsetzen.

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