Ja, habe ich und zwar nicht selten. Warum ich mich heute freue, sie begangen zu haben und welche Fehler es genau waren, erfährst du in diesem Artikel.

Während des ersten Corona-Lockdowns im Frühjahr habe ich – wie alle anderen – schlagartig mehr Zeit gehabt. Diese habe ich u.a. dafür genutzt, drei Stücke aufzufrischen, die ich als Musikgymnasistin (im Alter von 15-18 Jahren) gelernt und seitdem nicht mehr gespielt habe. Dabei sind Erinnerungen an mein damaliges Üben und Spielen wach geworden. Ich bin ins Grübeln gekommen, habe alte Noten, Etüdenhefte und Konzertprogramme durchgeblättert. Mich sozusagen an mein damaliges Ich und meinen Alltag mit der Geige erinnert. Mir ist klar geworden, wie anders ich als Teenager vorgegangen bin als heute mit 32.

Komm mit mir auf eine kleine Zeitreise durch meine gravierendsten Übefehler. Ich hoffe, dass du beim Lesen mit mir lachen und aus meinen Flops lernen kannst! 🙂

1. Planlos wiederholt

Vor allem habe ich den – aus meiner heutigen Sicht – grössten Übefehler begangen: die sinn- und planlosen Wiederholungen. Teile eines Stücks immer wieder durchgespielen, ohne vorher in Ruhe überlegt zu haben, was ich da eigentlich erreichen möchte und mit welchen Arbeitsschritten ich es eben schaffen könnte. Dies wurde mir damals erst nach einigen Durchläufen klar. Dieser Umweg hat mir viel Zeit gekostet. 

2. Orientierung verloren

Mein damaliges Üben war durch eine hemmende, nicht produktive Art des Perfektionismus geprägt. Ich wollte Kleinigkeiten während einer einzigen Übeeinheit perfektionieren. Auf keinen Fall wollte ich zur Kenntnis nehmen, dass manches einfach Zeit braucht und Entwicklung eben ein Prozess und kein Ereignis an einem sonnigen Dientstagnachmittag ist. Dadurch ist die Zeit während des Übens verflogen. Der Blick für das grosse Ganze und die Prioritäten (Was ist wichtiger? Was soll ich als Nächstes herausarbeiten?) ist verloren gegangen.

Damals hätte ich mir einen Kurs zum Thema „Effektiv üben“ wie dieser hier total gewünscht.

3. Einseitig geübt

Voller Tatendrang wollte ich meine Stücke so schön, so gut und all das so schnell wie möglich erlernen, dass ich oft „Scheuklappen“ angelegt habe. Statt eine Schwierigkeit in der Grundtechnik zu lösen, und an Etüden, Tonleitern oder sonstigen Übungen zu meistern, habe ich sehr lang an einer gewissen Stelle im Werk selbst herumgetüftelt. In Stücken kommen Herasusforderungen aber immer in Kombination mit anderen (musikalischen wie technischen) Faktoren vor. Man kann in diesem Gefüge ein allgemeines z.B. bogentechnisches Problem nur umständlich „beheben“. Insofern denke ich, dass es keine gezielte und effiziente Arbeit war. Ausserdem haben die vielen Wiederholungen schnell zu Monotonie und Müdigkeit geführt.

4. Erschöpfung nicht wahrgenommen

Meine Grenzen haben mich irritiert. Es hat mich geärgert, wenn meine Konzentration irgendwann mal nachgelassen hat. Völlig unüberlegt und unrealistisch habe ich – bis mein Kopf wirklich fast geplatzt ist – bis zu 2,5 Stunden pausenlos durchgeübt. (Keinen Rat meiner Lehrerin genutzt, obwohl ich sie schon damals sehr geschätzt habe…) Ich fürchte, damit sehr viel wertvolle Zeit meines Lebens verschwendet zu haben. Denn im Grossteil der Zeit war meine Konzentration sicher nicht top, somit hat mich diese Art des Übens nicht viel weitergebracht.

5. Körperliche Grenzen ignoriert

Wenn ich mal (so richtig) krank war, habe ich das als ärgerlichen Zeitverlust aufgefasst. Statt mich auszuruhen habe ich weitergeübt. Selbst mit hohem Fieber wollte ich keinen Tag auslassen. Auch das konnte mir keiner ausreden.

6. Keine Tonaufnahmen gemacht

Weil für meine übertriebenen Ansprüche nichts gut genug war, wollte ich mein Programm natürlich auch nie aufnehmen um mir das später abzuhören. Sich selbst als Zuhörer von draußen anhören zu können ist eine tolle Möglichkeit, etwas Sachlichkeit und Abstand in der Sache zu gewinnen.

Heute denke ich, dass ich vor meinen (vermeintlichen oder realen) Mängeln Angst hatte. Durch das Abhören hätte ich mich vergewissern können ob etwas tatsächlich schief gelaufen ist oder eben nicht. Stattdessen habe ich meine Arbeit immer gefühlsbestimmt gemacht.

7. Auf meine Mängel emotional reagiert

Wegen einer Ungenauigkeit beim Spiel wurde ich schnell verzweifelt, verärgert oder ungeduldig. Damals konnte ich sogenannte „Fehler“ nicht einfach akzeptieren, objektiv analysieren und mit freiem Kopf ausbessern. Stattdessen habe ich auf sie emotional reagiert und in solch einer aufgebrachten Stimmung weitergeübt. Und ganz ehrlich, vermutlich nicht viel weitergebracht, dafür aber ordentlich viel Zeit verschwendet und mich selber blockiert.

8. Wenig Inspiration von außen geholt

Ich habe zu selten meine „Fühler“ nach außen gestreckt und bin selten in die Oper, ins Konzert und zum Unterricht anderer LehrerInnen zuhören gegangen. Teils aus Zeitgründen, teils wegen fehlenden Bewusstseins darüber, wie wichtig es für die musikalische Entwicklung ist. In Kammermusikformationen mehr mitzumachen wäre aus heutiger Sicht sinnvoller (und lustiger) gewesen als mich in der einsamen Arbeit zu vergraben.

Ich bin meinen damaligen Fehlern dankbar

  • Durch die Ausainandersetzung mit ihnen bin ich auf Erkenntnisse, Zusammenhänge und Möglichkeiten gekommen, die mein eigenes Spiel und meine Überoutine effizienter, reifer, später auch professioneller gemacht haben.
  • Weil ich meine eigenen Mängel und Fehler selber und mit viel Nachdenken lösen musste, kann ich heute meine SchülerInnen besser unterstützen. 

Freu dich über deine Fehler!

Meine tiefste Überzeugung, dass wir uns wegen der Fails, Umwege und Mängel nicht schämen oder schlecht fühlen sollen. Ganz im Gegenteil! Sie sind sogar hilfreich, denn durch sie entwickeln wir uns am besten weiter. Wichtig ist, Fehler zu bemerken und sich mit ihnen zu beschäftigen, indem man effizient nach Gründen, Zusammenhängen und Lösungen sucht.

Mehr zum Thema Übefehler findest du hier.

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