Ärgert dich beim Geigeüben ein kniffliger Sechszehntellauf? Bereitet dir eine lange Bindung oder viele unangenehme Saitenwechsel Kopfweh? Findest du die Stelle wegen der unregelmässigen Striche holprig und schwerfällig? Diese sechs Phasen helfen dir, die technischen Kleinigkeiten zu lösen!

1. Mach die Zeit zu deinem Verbündeten!

Die Ursachen für die Schwierigkeiten direkt bei den Händen und Fingern zu suchen ist nicht immer zielführend. Manchmal haben wir noch mit Unklarheiten im Kopf zu tun. Geh einen Schritt zurück und vergewissere dich, ob du Taktart und Rhythmus richtig im Kopf hast.

+1 Tipp: Dirigiere langsam in der jeweiligen Taktart (oder klatsche einfach den Grundpuls) und sprich den Rhythmus ohne Tonhöhen dazu. Pass auf, dass es dem Notenbild tatsächlich zu 100% entspricht! Dabei kannst du ruhig pingelig werden. Ich sage immer: keine Sekunde, die du in eine präzise Vorstellung vom Timing investierst, ist verschwendet! Es stabilisiert und erleichtert jeden einzelnen weiteren Schritt.

2. Schaffe Klarheit links!

Als Nächstes kannst du die Tonhöhen, den Fingersatz und die Lagen klären. Spiel die Töne zu Übezwecken einmal ohne Rhythmen und Striche, jeden einzelnen Ton als langsame Halbe, nur einen Ton pro Strich. So fällt es dir wahrscheinlich leichter, den richtigen Fingersatz abzusichern und du übst gleich die Intonation mit.

+1 Tipp: Diese Übung wirkt am besten, wenn es wie im Laboratorium, ohne Vibrato, dynamische Abstufungen und musikalischen Ausdruck gemacht wird. Diese sind überaus wichtig, aber in dieser Übephase lenken sie ab.

3. Schaffe Klarheit rechts!

In diesem Schritt plant man Striche, Bogeneinteilung und Bogenstellen. Nur weil etwas in den Noten eingetragen wurde, ist es keine Garantie dafür, dass das in den Händen automatisiert wurde. Spiel Luftgeige und geh die Stelle mental durch! Dabei liest du die Noten, summst die Melodie und Rhythmus ohne mit dem Bogen tatsächlich zu spielen. Währenddessen streichst du aber in der Luft im Rhythmus, mit den Strichen und auf den jeweils gebrauchten Saitenebenen. Durch das Ausschalten der linken Hand (und ihrer Schwierigkeiten) kannst du auch diesmal deinen Fokus beim eigentlichen Ziel halten.

+1 Tipp: Achte auch hier konsequent auf das Tempo und darauf, dass du jede Note mit so viel Bogen und genau an der Bogenstelle spielst wie im echten Spielmodus und im echten Tempo! Sonst übst du evtl. etwas ein, das dir nicht hilft und evtl. sogar weitere Schwierigkeiten bereitet.

4. Checkpoint!

Füge wieder alles zusammen und spiel die Stelle in der Originalversion einmal langsam durch. Vermutlich ist bereits jetzt einiges stabiler geworden. Juhuu!

+1 Tipp: Höre hier sehr genau zu, um feststellen zu können, welche Punkte weitere Bearbeitung benötigen und welche sicherer geworden sind. Man muss weiterplanen, aber auch sich über bereits erreichte Verbesserungen freuen können. 🙂

5. Zeit für Chaos

Du hast deine Probemstelle klar verstanden, links und rechts einmal durchgeputzt und wieder als Ganzes durchgespielt. Das ist schön und wichtig. Jetzt heisst es das alles zu automatisieren und abzusichern, indem du alles durcheinanderbringst. Ja, richtig gelesen:

D U R C H E I N A N D E R B R I N G E N! 

Wenn du jetzt etwas verblüfft oder verwirrt bist, verstehe ich das. Aber in der Tat ist dieser ein ganz lustiger Schritt. Probier verschiedene Rhythmen, Betonungen und ganz bewusst andere Striche aus! Geht es z.B. um eine Stelle mit Sechszehntelgruppen mit je vier gebundenen Noten? Bilde aus diesen „geraden“ Notengruppen und „geraden“ Strichmustern spaßhalber Triolen oder Quintolen, spiele alles hin und her. Hardcore wird das Ganze, wenn du mit dem Bogen z.B. die jeweils zweite Note in jeder Gruppe deutlich betonst.

Du wirst wahrscheinlich das Gefühl haben, dass dadurch alles nur schlimmer wird. Aber nein! Der Kopf darf ruhig rauchen, denn in Wirklichkeit wird er nach diesem absichtlich erzeugten „Chaos“ die Originalversion viel sicherer beherrschen.

+1 Tipp: Um im Wirbel Halt zu finden, hole Unterstützung von deinem Metronom. Wähle jedenfalls ein entspannteres Tempo als das Originaltempo des Werks ist.

Schritt fünf ist mein persönliche Lieblingsphase: sie ist lustig, kreativ, herausfrodernd und man kann über sich oft lachen – herrlich!

6. Originalversion

Zum Abschluss die Problemstelle wieder so durchspielen wie sie gehört und dabei vielleicht erfreut feststellen, dass das Problem wie weggezaubert ist

+1 Tipp: Vergiss nicht, die Stelle wieder mit vollem musikalischen Ausdruck und wieder in den Kontext eingebettet zu spielen! Damit meine ich, von den vorigen Takten ohne Pause hineinzukommen und die Folgetakte nahtlos weiterzuspielen.

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