Fühlst du dich manchmal überfordert, wenn du Violine spielst, weisst aber nicht, warum? Eine von vielen Ursachen kann die Art und Weise sein, wie du Noten liest. Das hat eine Schlüsselfunktion für ein schönes, flüssiges Violinspiel, und zwar nicht nur für AnfängerInnen sondern auch für Fortgeschrittene. Deswegen sollst du dich damit regelmässig befassen, immer besser, praktischer und schneller Noten zu lesen.

Wenn du geschriebene Texte liest, erfassen die Augen zunächst die Buchstaben. Diese sind simple Schriftzeichen und durch deine Bildung weisst du, welche Laute sie repräsentieren. Du kannst das Wort lesen, verstehen, aussprechen und ein Bild davon machen. All das ermöglicht die Deutung und die Konnotationen. Ohne die Buchstaben visuell richtig wahrgenommen und im Denkprozess korrekt interpretiert zu haben kann es also nicht zur Auslegung kommen. Nun warum kannst du die Buchstaben korrekt interpretieren? Weil du einmal alle Buchstaben und ihre Kombinationen – beim Lesen und Schreiben – oft geübt und gut verinnerlicht hast.

Das Notenlesen funktioniert als ein einfacher Vier-Phasen-Prozess sehr ähnlich:

Phase 1: Lesen – Was sehe ich?

Der Komponist hat seine Musik mit Hilfe von graphischen Elementen im Notensystem notiert, quasi „festgehalten“. In früheren Jahrhunderten hat die Notation die Überlieferung der Musikstücke überhaupt ermöglicht.

Wir MusikerInnen sollen nun den umgekehrten Weg gehen und aus Schriftzeichen Töne und noch wichtiger: aus Tönen Musik machen. Noten genau zu lesen ist also der erste grundlegende Schritt beim Musizieren – jedenfalls im Bereich der klassischen Musik. Jazz, Volksmusik und andere Musikrichtungen sind hier nicht gemeint.

Phase 2: Dekodieren – Wie soll das erklingen?

Als Nächstes dekodiert das Hirn. Es sucht nach objektiven Informationen. Was ist das für eine Tonhöhe? Wie lang soll der Ton klingen? Durch das Dekodieren gewinnen wir Erkenntnisse und können eine konkrete Vorstellung, einen Ton mit klaren Eigenschaften entwickeln. (Z.B. ein zweigestrichenes E, das ein Viertel dauert und forte klingen soll.)

Dabei sind sowohl Verstand, als auch das innere Gehör sehr aktiv beteiligt. Man kennt, erkennt und versteht die graphischen Informationen, zugleich hört man den repräsentierten Ton „drinnen“ im inneren Gehör. Damit diese Verbindung zwischen Verstehen, Hören und Greifen gut funktioniert ist es wichtig, dich regelmässig mit Musiktheorie und Harmonielehre zu beschäftigen.

In Phase 1 und 2 haben wir also mit dem Instrument selber noch nichts zu tun. Wir arbeiten im Kopf. Mehr dazu findest du hier.

Phase 3: Deuten – Was soll ich auf der Violine konkret tun?

Jetzt sollst du dich fragen: Was fange ich mit diesen Informationen in der Praxis an? Was soll ich mit meinen Händen und Fingern auf der Violine ganz konkret machen, um die gewünschte Melodie zu bekommen? Sei dabei genau und achte auf jedes Detail. Die Antwort könnte z.B. sein:

„Mit dem 2. Finger auf der D-Saite eine Lagenwechselbewegung von Ton X zu Ton Y ausführen.“

„Den Bogen von der Saite nach dem Ton X aufheben.“

„Acht Achtelnoten auf einem Bogen spielen.“

Phase 4: Umsetzung – Ich spiele es!

Anschließend führt man die Aktionen duch und produziert tatsächlich diejenigen Töne, die der Komponist in den Noten festgehalten hat. In diesem Moment sind wir quasi bei Null, denn erst mit diesem „Arbeitsmaterial“ beginnt die eigentliche musikalische Arbeit. Phrasieren, Interpretieren, Gestalten kann man erst dann richtig frei, wenn der Kopf dafür frei ist und nicht verzweifelt die Finger, Rhtyhmen und Töne zusammensuchen muss.

Fazit: Lesen, Dekodieren und Deuten sind die „stummen“ aber nötigen Schritte, die nur im Denkprozess stattfinden. Obwohl ein Spielfehler erst bei der Umsetzung hörbar wird, ist es eben immer das Resultat eines Lese- oder Denkfehlers.

Merkst du einen Fehler beim Lesen oder Dekodieren nicht, machst du den ganzen Weg ab Dekodieren nach einem falschen „Plan“ und hast eben falsche Ergebnisse.

Wenn du den Ton zwar richtig liest und dekodierst, der Fehler beim Deuten trotzdem vorkommt, herrscht noch kein stabiler Zusammenhang zwischen deinem Notenlesen und deiner Spieltechnik.

Tipp 1

Diskutiere mit dir selbst jede Phase einzeln. 

Geh im Denkprozess erst weiter, wenn du sicher bist, dass du in einer Phase richtig liegst. Dein Vorteil: Durch die Trennung der vier Phasen kannst Du den Fehler leichter erkennen und orten. So wirst du in der richtigen Phase nach Verbesserung suchen.

Nimm dir Zeit, um über die ersten drei Punkte gründlich nachzudenken. Die langfristigen, stabilen Ergebnisse sind es wert. Und vergiss nicht: Üben ist nicht nur das, wenn die Violine klingt!  Je weniger Spielerfahrung du hast, umso länger dauert das Ganze. Mach es trotzdem, mit etwas Übung wird´s schneller gehen!

Tipp 2

Arbeite an deiner Lesetechnik.

Am Anfang des ganzen Vorgangs steht also das Notenlesen. Ohne richtiges Notenlesen kein richtiges Geigenspiel, also sollst du auf dein Notenlesen unbedingt Wert legen. Beschäftige dich regelmässig damit, wie du den Notentext immer genauer, effektiver und schneller lesen kannst, um mehr Zeit dem Musizieren widmen zu können. Wie du das tun kannst, erfährst du hier.

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