Du beginnst, dein Stück zu spielen. Bald greifst du ein C obwohl du eigentlich ein Cis spielen solltest. Du brichst ab und beginnst von vorne. Nach ein paar Takten ist der Strich plötzlich verkehrt. Wieder von Anfang. Bald ist der Rhythmus irgendwie komisch, als würde der Takt hinken und du kommst schwer weiter. Schon wieder abbrechen… Kommt dir das bekannt vor? Ärgert dich das? Dann habe ich eine Abkürzung für dich.

Unsere Hände können erstaunlich viel leisten. Was sie aber definitiv nicht können, ist alleine zu denken. Das muss nunmal das Hirn übernehmen. Erst wenn der Kopf weiss, was getan werden muss, haben die Finger überhaupt die Chance, richtig zu greifen und zu streichen.

Diese Steuerungsbasis im Kopf braucht ganz wenig Zeit und vor allem die Bereitschaft, ein paar Parameter mit dir selbst vor dem Spiel auszumachen. Wenn du dich mit der Geige oder Bratsche wirklich weiterentwickeln möchtest, mach´s dir unbedingt zu einer Gewohnheit, dir diese paar Sekunden zu nehmen. Es wird sich lohnen.

Ein stabiles Spiel braucht also diese Organisation und Planung, für die der Notentext selbst die grösste Hilfe gibt. Glaub mir, er enthält alles, was du für einen durchdachten Beginn und eine sichere Fortsetzung ohne Unterbrechungen brauchst. Fragst du dich jetzt, wieso?

Noten sind komplexe Informationsquellen. Direkt vor dem Spielbeginn sammeln unsere Gedanken und Gefühle und konzentrieren uns noch nicht auf alle Informationen in den Noten, sondern nur auf eine bestimmte Auswahl. Diese Elemente der Noten schaffen nämlich im Kopf eine Art Netz, das das ganze Spiel organisiert, zusammenhält. Strategisch ist es also sehr sehr wichtig, dass du sie dir wirklich bewusst machst und sie wirklich umsetzt.

Mein bester Rat also: nimm dir ein paar Sekunden für folgende Punkte und zwar bevor du überhaupt einen Ton spielst. Beantworte dir selbst folgende Fragen ganz ohne das Instrument, nur im Kopf. Das ist der Schlüssel. Dank dieses geringen Zeitaufwands gewinnst du Zeit und Energie, die du sonst durch die zahlreichen Unterbrechungen verlierst. Legen wir los.

1. Was ist die Taktangabe?

Die Taktangabe steht in der ersten Notenzeile nach dem Notenschlüssel und den Vorzeichen. Sie ähnelt einer mathematischen Bruchzahl. Z.B. beim Zweivierteltakt verrät dir die untere Ziffer 4, dass du in Vierteln zählst. Die Ziffer 2 darüber besagt, dass in jedem Takt die Summe aller Noten- und Pausenwerten zwei Viertelnoten ergeben.

Mach dir bewusst, in welcher Taktart also das Stück steht. So gewinnst du gleich eine klare Vorstellung vom Zählen. Du orientierst dich z.B. beim Zweivierteltakt während des Spielens in jedem Takt jeweils an diese zwei Schlägen.

Tipp: Sprich oder schnipse dir vor dem Spielbeginn die Schläge vor. Unbedingt in der Geschwindigkeit, in der du das Stück spielen wirst. Damit groovst du dich im Vorfeld schon auf den Puls der Musik ein. Dadurch fängst du mit dem Instrument mit einem klaren Kopf und aktiviertem Zeitgefühl an.

2. Wie geht der Rhythmus?

Der Rhythmus ist einer der Hauptkomponenten von Musik überhaupt. Er entsteht aus der unterschiedlichen zeitlichen Dauer der Töne und Pausen. Ohne zu wissen, wie schnell oder langsam die Töne erklingen hat man logischerweise auch Schwierigkeiten zu bestimmen, wie schnell oder langsam bestimmte Bewegungen ausgeführt werden sollen.

Tipp: Übe den Rhythmus allein, losgelöst von den Tonhöhen, Strichen usw. Spiel den Rhythmus einfach auf einer leeren Saite, ohne die Töne dazuzugreifen. Dank dieser Vergleichsbasis merkst du beim normalen Spiel kinderleicht, bei welchen Stellen du zu langsam oder zu schnell unterwegs bist.

Hier lernst du eine meiner Lieblingsübungen für einen stabilen Rhythmus kennen.

3. Wie schnell werde ich spielen?

Unabhängig vom Originaltempo des Stücks kannst du es in unterschiedlichen Geschwindigkeiten üben und spielen. Ich sage immer: jedes Tempo ist OK, das einzig Wichtige ist, dass es gut geplant und dann konsequent gehalten wird. Sowohl im schnellen, als auch im langsamen Tempo.

Tipp: Singe oder sprich die Stellen durch und halte dabei das Tempo. Wenn du danach das Gleiche mit dem Instrument spielst, versuche das stabile Tempo von der Übung zu imitieren. Besonders bei den allerersten Takten ist so eine Vorbereitung sehr nützlich. Nach einem gelungenen Start spielt man ja immer sicherer weiter, danach bist du schon in der Sache „drinnen“.

4. In welcher Tonart werde ich spielen?

Schenk unbedingt auch den Vorzeichen am Anfang der Notenzeilen Aufmerksamkeit, wenn es welche gibt. So vermeidest du falsch gegriffene Töne. Ausserdem wirst du Abweichungen von den generell gültigen Vorzeichen sofort erkennen, wenn du grundsätzlich weißt, mit welchen Tönen du im Stück zu tun hast. Zusätzliche Kreuz-, Be-vorzeichen und Auflösungszeichen ergeben ja erst dann Sinn, wenn man sich in die Grundtonart hineinversetzt hat.

Tipp: Benenne laut alle Töne, aus denen die Tonart und das Stück aufgebaut wird.

Spiel eine Tonleiter hinauf und hinunter in der jeweiligen Tonart, um dich und die Hände darauf  (wortwörtlich) einzustimmen. Du bist danach Tonfehlern viel weniger ausgeliefert. Z.B. greifst du bei Halbtönen eng, bei Ganztönen weit.

Ausserdem hilft als Grundlagenarbeit viel, wenn du regelmässig an Tonleitern und Dreiklangszerlegungen arbeitest. Um eine gewisse Kondition zu gewinnen, wechsle die Tonarten regelmäßig, statt monatelang nur bei einer zu bleiben. 

Auf der Suche nach Noten zum Tonleiterüben? Hier geht’s zu meiner Empfehlung mit den 9 besten Tonleiterheften für AnfängerInnen.

5. Wie laut werde ich spielen?

Es lohnt sich nachzuschauen, welche Dynamiken der Komponist im Stück verlangt. Die Lautstärke bestimmt ja maßgeblich wie man mit dem Bogen umgeht. Die dynamische Angaben sind also für deine Spieltechnik relevant.

Dabei kann man keine steifen Regeln aufstellen und sagen, dass Z.B. forte nur mit einer grosszügigen Bogenlänge geht. Je nach Spieltempo, Ausdruck, Bogenstelle, Strich und Strichart kann man das mit viel aber auch mit wenig bzw. mit einem schnellen oder langsamen Bogen erreichen.

Tipp: Achte schon bei deinen Tonleitern auf dynamische Unterschiede. Spiel sie mal lauter, mal leiser oder baue auch dynamische Entwicklungen (crescendo und decrescendo) ein.

6. Wie geht der Fingersatz?

Zu wissen, welcher Ton mit welchem Finger gegriffen wird, gehört zu den grundlegendsten Voraussetzungen dafür, dass man „wie geschmiert“ spielen kann.

Tipp:

Greife den Anfang (oder eine Stelle die vom Fingersatz her noch nicht ganz gut „sitzt“) mit der linken Hand stumm durch, ohne mit dem Bogen zu streichen. Schenke

  • Flageolett-Tönen,
  • Streckungen und
  • Tönen, die wiederholt, aber von jeweils anderen Fingern gegriffen vorkommen

besondere Aufmerksamkeit.

Eine allgemeine Fitness fürs Bewusstsein für den Fingersatz schaffst du am leichtesten, indem du die gleiche, am besten eher kurze Passage mit einigen verschiedenen Fingersätzen spielst. Das kann

  • eine simple Tonfolge sein oder
  • Stellen aus einem Etüde oder einem Stück das du gerade übst oder vor Jahren schon mal gelernt und beiseite gelegt hast.

Hier liest Du meine besten Tipps dazu wie du den passenden Fingersatz selbständig findest.

7. Wie geht der Strich?

Ein verkehrter Strich gehört nicht zu den gefährlichsten Störfaktoren, die dich unbedingt oder sofort verwirren. Oft wird man aber wegen des falschen Strichs verunsichert, wodurch früher oder später tatsächlich Gröberes passiert. Daher sind gut überlegte Striche schon mal eine Art Prävention.

Mach dir das Geigenspiel einfach, entdecke Strichmuster in den Noten.

J. F. Mazas: 40 Etüden (Op.36) Nr.7

Tipp:

Such dir wiederkehrende Strichmuster, um das Spiel zu erleichtern. Statt jedes Mal extra nachzudenken, kannst Du z.B. bei dieser Etüde von J.F. Mazas zwei unterschiedliche Strichkonzepte erkennen (blau und rot markiert) und sie taktweise abwechselnd umsetzen.

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